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Kirsten Fuchs: In Freiheit ist ein Ei.

Ich bin mit 12 in gewisser Weise gestockt. Aber ich bin kein Ei.
In Freiheit ist das Wort ei. Das könnte eine schöne Metapher sein für irgendwas, aber für was?
Eins in dem was wächst, ein faules, ein dickes, eins aus Schokolade.
Wenn das Leben dir ein Ei schenkt. Dann brüte es aus. Oder wirf es gegen ein Gebäude.

Meine Familie war systemtreu und ich wusste nicht, dass es etwas anderes gibt.
Wenn du mit 12 erfährst, dass es nicht normal ist, niemand angeblich so ist oder war, nur du, nur ihr.

Von heute auf morgen existiert deine Wahrheit nicht mehr und ist die Wahrheit von niemand mehr. Von heute auf morgen wollen alle etwas, für dich völlig absurdes: zum Beispiel, wollen alle dass Berlin zu Dänemark gehört, dass wir zu richtig sockig sagen und zu falsch julamin. Alles neu, alles fremd, aber alle sagen, dass alle das wollen und dass es früher auch so war. Es ist also sockig und nicht julamin, verstehst du?
Und alle Häuser fallen um und dahinter sind andere Häuser und alle Gesichter fallen runter und dahinter sind andere Gesichter und alle Länder fliegen hoch, aber deins nicht mehr.
Du sollst in etwas aufwachsen, das schlecht ist, aber jetzt sollst du darin erwachsen werden und leben. Und nur weil jetzt alle sagen, dass das andere auch schlecht war, wird das eigentliche schlechte davon nicht besser.
Zieh von einem Haus ohne Fenster in eins ohne Wände, nur Fenster.

Die Wende in meinem Tagebuch ist nur einmal umblättern, einmal das Blatt wenden und das ganze Blatt wendet sich.
Eben steht da noch, dass mein Freund Marcus die Wende will, also ein kapitalistisches Deutschland, schreibe ich, in rot, Schock! Dann steht da „So doff ist der“, mit zwei ff. Dann steht da noch: „Er sieht nur die Sachen die man kaufen kann. Sieht er nicht die Ungerechtigkeit. O.K. In der DDR war es lange nicht anders, aber wir hättens gepackt.“
Das steht da. Kirsten Fuchs, 12 Jahre alt. Süß, doff, anrührend, doff, niedlich, naiv, doff.
Und dann einmal umgeblättert, nur eine Seite weiter.
Man hatte mir Geld gegeben, Westgeld und es gab Westsachen dafür zu kaufen.
Also kaufte ich mir: kein Witz, ich wünschte es wäre einer, einen rosa Regenschirm kaufte ich mir. Rosa. Die Farbe gabs vorher gar nicht, nur wenn jemand was rotes in die Kochwäsche gemacht hatte. Ein Regenschirm. Also hätte ich irgendwann in den 12 Jahren vorher irgendein Problem mit Regen gehabt. Aber im Tagebuch steht: in der Kaufhalle einen rosa Regenschirm gekauft.
Brauchte ich den? Nein! Wie oft kaufe ich heute Sachen, die ich nicht brauche? Oft!
Oder wie ein Freund von mir sagt, wenn er sich was kauft: „nicht brauchen, haben!“
Und ich kaufte mir von diesem ersten Geld außerdem eine Barbie, kaufte ich mir. 12 Jahre hatte ich keine und mit 12 braucht man keine mehr, aber ich brauchte eine, weil ich auf einmal wusste, dass ich 12 Jahre keine gehabt hatte.
Und als drittes kaufte ich mir auf einem Trödelmarkt drei einige Wochen alte BRAVOS, in denen stand, wie es jetzt weiterzugehen hatte mit mir.
Ob er in mich verliebt ist... Was Jungs wirklich mögen... und schau mal, kuck mal, das sind die New Kids on the Block, alle lieben die, lieb die auch. Nicht Lenin, Marx und Engels. Das sind Joey, Jon, Jorden, Danny und Donnie.
In diesem Tagebuch aus diesem Jahr, bin ich auf der Seite noch ein Kind und einmal umblättern, Aufkleber mit süßen Boys, in wen bin ich verliebt? Ich hatte mir ein Mädchensein gekauft.
Für Boys gilt das bestimmt auch, immer fein unsicher sein, sonst kauft man ja nichts.

Die DDR hatte nicht die richtige Einstellung dem Konsum gegenüber, es gab nur nicht so viel zu konsumieren.
Die DDR war ein Mann, der sagt: ich kauf dir kein teures Geschenk, ich bastel dir eins.
Aber nicht, weil er dich liebt, einfach, weil er kein Geld hatte.
Ich mag trotzdem gebastelte Geschenke lieber. Bis heute.
Die DDR war kein netter Mann. Er hat Frauen nicht gut behandelt, er hat sie nur gebraucht. Die einzige Freiheit war die Freiheit vor schwierigen Kaufentscheidungen.

Aber alles ist natürlich komplexer, denn in Freiheit ist zwei Ei.
Eins zum Brüten und eins um es gegen ein Gebäude zu werfen.

Kirsten Fuchs ist Schriftstellerin, Lesebühnenautorin und Kolumnistin und lebt in Berlin. 2003 hat sie den Open Mike gewonnen. Mehrere Veröffentlichungen unter anderem: »Die Titanic und Herr Berg« bei Rowohlt Berlin, »Eine Frau spürt so was nicht« bei Voland & Quist. Sie schreibt regelmäßig Kolumnen für »Das Magazin« und ist Mitglied bei der Lesebühne »Fuchs und Söhne«.
Neueste Bücher:
"Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig" - Voland & Quist
"Mädchenmeute" - Rowohlt Berlin

Weitere Kolumnen:

Oktober 2019 – Wladimir Kaminer
November 2019 – Jana Hensel
Dezember 2019 – Jean-Philippe Kindler
Januar 2020 – Kirsten Fuchs
Februar 2020 – Jürgen "chA°s" Gutjahr
März 2020 – Jacinta Nandi
April 2020 – Paul Bokowski
Mai 2020 – Franziska Hauser
Juni 2020 – Uli Hannemann
Juli 2020 – Lea Streisand
August 2020 – Jakob Hein
September 2020 – Rebecca Heims
Oktober 2020 - Ahne

Jean-Philippe Kindler: „Die friedliche Revolution“: Für die Legitimierung von Wut und Hass

Die Wahrheit ist: Ich fand den Terminus der „friedlichen Revolution“ immer schon lächerlich. Dafür brauchte es keine Montagsdemonstration von PEGIDA, die sich das mythologisierte Label „Montagsdemonstration“ auf die wehenden Schwarz-Rot-Geil-Fahnen schrieben. Ich weiß, ich weiß. Wir leben in einer Zeit, in der es gesellschaftlich wahnsinnig angesehen ist, die Dinge von ihrer positiven Seite zu betrachten. Bestseller heißen „Gegen den Hass“, Coaches predigen „gewaltfreie Kommunikation“ und die positive Psychologie verspricht uns das Glück, wenn wir es nur schaffen, negative Gefühle dauerhaft aus unserem Leben zu verbannen. Aus der politischen Öffentlichkeit sind diese jedenfalls verschwunden, denn seitdem die AfD durch die Emotionalisierung politischer Sprachbilder an Popularität gewann, steht die politische Emotion, vor allem die Negative, unter Generalverdacht. Wenn heutzutage der politische Text in Bewegung gerät, aus einigen der Zeilen eine Haltung, gar ein Erröten der Schrift herausragt, wenn das Gesagte von jemandem gesprochen wird, der offenkundig fühlt, dann begegnen wir dem mit Skepsis. Völlig egal, ob es sich um Björn Höcke oder Greta Thunberg handelt. Denn vor allem in den letzten Jahren manifestierte sich der erschreckend weit verbreitete Mythos, die Politik habe zur Ausprägung von Entscheidungsfähigkeit die Aufgabe, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Vor allem Emotionen wie Wut, Verärgerung, Neid und Hass erleben dadurch ihre Delegitimierung und Banalisierung. Das ist geschichtsvergessen.

Lesen Sie die ganzen Kolumne von Jean-Philippe Kindler

Jana Hensel: Mythos Wende 89

Die Wende, oder besser gesagt, die Friedliche Revolution des Jahres 1989, ist für mich kein Mythos, sondern war in meinem bisherigen Leben der wahrscheinlich massivste Einfall von Realität. An nichts erinnere ich mich so genau wie an meine großen, euphorischen Gefühle, während ich im Oktober 1989 als 13-jährige Schülerin gemeinsam mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen bin. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber rede, noch heute treten mir Tränen in die Augen, wenn ich die alten Bilder sehe. Manchmal ist mir das sogar peinlich. Und ich bin erleichtert, wenn ich merke, dass es anderen ähnlich geht.

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Wladimir Kaminer: Berliner Mauer

Über die Berliner Mauer wussten wir nicht viel, nur das, was in unseren Lehrbüchern über die europäische Nachkriegsgeschichte stand. Diese Informationen waren auf das Wesentliche reduziert und beanspruchten nicht einmal zwei Seiten. Die sowjetische Armee hatte es 1944-45 nicht geschafft, ganz Europa zu befreien, weil ein Teil davon bereits von den Amerikanern befreit worden war. Deswegen war Europa in zwei Lager getrennt, die von uns befreiten Völker haben sich dann freiwillig für den Sozialismus entschieden.

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