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Jacinta Nandi: Die Wende, die mir immer näher kommt

Ich bin mit 20 nach Deutschland gekommen – ich denke immer, wenn ich mit 19 gekommen wäre, dann würde ich jetzt Deutsch klingen und die Leute würden mich respektieren.

“Jacinta?”, würde man sagen, hinter meinem Rücken. “Meinst du Jacinta Nandi? Sie ist mit 19 nach Deutschland gekommen.”

“Ach so”, würde man antworten. “Mit 19? Ist sie nicht hier geboren?” “Nee”, würde man dann erklären.

“Nee, die ist gebürtige Engländerin. Wenn man länger zuhört, merkt man eine leichte Akzent.”

Aber ich bin mit 20 Jahren hier gekommen. 20 Jahren, im Jahr 2000. Ich dachte damals nämlich, dass die Wende sehr sehr lange her ist. Ich bin zum Brandenburger Tor gegangen, um zehn Jahre Gesamtdeutschland zu feiern, in meinen Augen hätte es hundert sein können. Das ist, ehrlich gesagt, das komische an der Wende, sie ist ein historischer Benjamin Button – je älter ich werde, desto näher kommt sie mir in Nachhinein vor. Ich kann es nicht so richtig erklären. Aber: wenn es weiter so geht, erwarte ich doch, dass ich an meinem Sterbebett plötzlich merke, dass ich doch dabei gewesen bin.

Nach der Wende hatten wir einmal in der Schule eine Versammlung zum Thema Ostberlin. Das ist übrigens eine Ähnlichkeit zwischen Ostdeutschland und Großbritannien – die Schulversammlung jede Woche, wo die Lehrer euch volllabern drüber, wie stolz du sein sollst, auf deine Schule, auf deinen Bezirk und auch auf dein Land. Ich glaube, dass unser Direktor Deutschland-Fan war, er erzählte immer eine Geschichte über einen Urlaub in Deutschland, wo er auf den Autobahn fuhr, und jedes Mal, wo er den Schild für “Ausfahrt” sah, sich wunderte, dass er nie von diesen offentsichlich doch so großen deutschen Stadt gehört hätte.

Also: wir waren in der 8. Klasse, und er erzählte uns über Ostberlin.

“Jetzt gibt es auch in Ostberlin MacDonald's-Filiale!”, rief er. “Mit genau der selben Speißekarte wie im Westen! Sogar die Milkshakes.”

Bedeutungsvolle Pause. Sehr wichtig für eine gelungene Schul-Versammlung, die Pausen.

“Aber sie haben minderwertige Milkshakes in Ostberlin, da sie nicht die ganzen Zutaten bekommen können. Schade für sie eigentlich, aber es macht nicht's, denn der Ostberliner hat die leckere westliche Milkshakes nie probiert. Die minderwertige ostliche Milkshakes schmecken den voll!”

Bedeutungsvolle Pause. Unser Direktor hatte das drauf, mit der Schulversammlung. Der war voll der Entertainer.

“Und so gewöhnen sich die Ostberliner an dem Geschmack der Freiheit....”

Wenn ich zurück gucke auf diese Versammlung frage ich mich, ob unser Dierktor nicht doch heimlich Kommunist gewesen ist, und das alles satirisch gemeint hatte. Kann ich aber kaum glauben, er hat immer fast geweint wenn es um Dunkirk ging.

Ich war 20 Jahre alt als ich nach Deutschland ging. Meine Mama, die als Teenager Kommunistin geworden ist, die Karl Marx las, und weinte mit Berührung, fragte mich, ob ich mein großes Wörterbuch mit in meinem Koffer nehme. Nee, sagte ich, ich brauche das nicht, ich kenne so viele Wörter. Wenn ich anrief nach Hause, in Telefonzellen, haben meine Eltern mich zurück gerufen – damals könnte man in Telefonzellen noch zurückrufen, das waren Zeiten – und meine Eltern haben gerufen ARE YOU IN THE EASTERN SECTOR? “Aber du klingst so laut und die Leitung ist so klar und deutlich! Sie müssen die Kabel gelegt haben nach dem Mauerfall.”

In den kurzen Jahren zwischen meiner Ankunft in Berlin und der Geburt meines ältesten Sohnes habe ich manchmal mit deutschen Männern geschlafen, nur um rauszufinden, ob sie aus dem Osten oder dem Westen kamen, und wenn Osten, was sie mit ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben.

Jetzt ist meine Mama krank, sie kann mich nicht mehr besuchen kommen. Vielleicht ist es egal. England ist sowieso Ostdeutschland geworden seit dem Brexit, oder. In Ostdeutschland ist Angela Merkel den Sündenbock für alles, die Engländer haben verschiedene Menschen, die sie die Schuld geben.

“Die weiße Leute haben Brexit gewählt weil die Bangladeshis immer drei Wohnungen besitzen und dann trotzdem in einer Sozialwohnung leben”, erklärte mir die indische Freundin meiner Mama am Heiligen Abend.

“Die Idioten in der Arbeiterklasse haben Brexit gewählt weil sie dumm sind”, sagte meine Tante. “Früher war der ostdeutsche Arbeiter ein unsichtbarer Schutz bei den Gewerkschaftsverhandlungen. Nachdem Sozialismus versagt hat, sind die britische Arbeiter beschutzt worden von der EU. Jetzt sind sie alleine auf sich gestellt, lass uns sehen was jetzt passiert.”

“Ich beende im Armenhaus”, sagte meine Mama. “So will es der Staat.” Sie lacht wie eine verrückte Hexe. Ich streichelte ihre kalte, leblose Hände. Sie kriegt kaum Blut mehr in ihre Finger.

Wenn man mit einem ostdeutschen Taxifahrer quatscht, erinnert er dich oft an einem englischen. So wie der Ostdeutsche über Westdeutschen lästert, so lästern die Engländer über die Deutschen in besonders und die Europäer in Allgemein. Es ist eine Opfermentalität – aber eine Opfermentalität ohne Solidarität oder Mitleid. Eine Opfermentalität, die drauf basiert, wieder Täter sein zu wollen. Schade eigentlich. Irgendwie tut mir alles Leid. Irgendwie tut mir alles doch weh.

Jacinta Nandi, Jahrgang 1980, geboren in Ost-London, lebt seit 2000 in Berlin, schreibt auf Deutsch und auf Englisch – auf Deutsch hat sie unter anderem für die „taz“ von 2013 bis 2014 als „Die gute Ausländerin“ geschrieben, 2013 das Buch „Fish & Chips und Spreewaldgurken“ mit Jakob Hein veröffentlicht, und 2015 ihren autobiografischen Roman „Nichts gegen blasen“ veröffentlicht. Auf Englisch schreibt sie den WTFBerlin-Blog für Exberliner*innen. Sie hat zwei Kinder und ihr Lieblingsessen ist immer noch pie and chips.

Jürgen "chA°s" Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Walpurgisnacht. 1985

Wir saßen zu dritt in meiner kleinen, dunklen, von Schimmel befallenen Wohnung. Tümpel, Rolf1 und ich. 30. April, Walpurgisnacht.

Die Vorhänge zu gezogen…wie immer. Aus den Boxen brüllte „Feet Hacked Rails“ von Art Barbecue, ein Side Project von Controlled Bleeding.

Aber irgendwie waren wir nicht gut drauf, redeten kaum und tranken nur sehr wenig. Keiner wusste den Grund. Also keine Party, Bewusstseinserweiterung oder ähnliches. Aber Tümpel hatte die Idee, dass wir uns morgen 10 Uhr zum Frühschoppen treffen könnten. Er schlug eine der wenigen Kneipen vor, wo wir keinen Ärger bekamen. Großartige Idee! Wir verabschiedeten uns mit komplizierten Verabschiedungsritual, wie bei den Bloods oder Crips2 üblich, dann „Gute Nacht!“.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Jürgen "chA°s" Gutjahr

Kirsten Fuchs: In Freiheit ist ein Ei.

Ich bin mit 12 in gewisser Weise gestockt. Aber ich bin kein Ei.
In Freiheit ist das Wort ei. Das könnte eine schöne Metapher sein für irgendwas, aber für was?
Eins in dem was wächst, ein faules, ein dickes, eins aus Schokolade.
Wenn das Leben dir ein Ei schenkt. Dann brüte es aus. Oder wirf es gegen ein Gebäude.

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Jean-Philippe Kindler: „Die friedliche Revolution“: Für die Legitimierung von Wut und Hass

Die Wahrheit ist: Ich fand den Terminus der „friedlichen Revolution“ immer schon lächerlich. Dafür brauchte es keine Montagsdemonstration von PEGIDA, die sich das mythologisierte Label „Montagsdemonstration“ auf die wehenden Schwarz-Rot-Geil-Fahnen schrieben. Ich weiß, ich weiß. Wir leben in einer Zeit, in der es gesellschaftlich wahnsinnig angesehen ist, die Dinge von ihrer positiven Seite zu betrachten. Bestseller heißen „Gegen den Hass“, Coaches predigen „gewaltfreie Kommunikation“ und die positive Psychologie verspricht uns das Glück, wenn wir es nur schaffen, negative Gefühle dauerhaft aus unserem Leben zu verbannen. Aus der politischen Öffentlichkeit sind diese jedenfalls verschwunden, denn seitdem die AfD durch die Emotionalisierung politischer Sprachbilder an Popularität gewann, steht die politische Emotion, vor allem die Negative, unter Generalverdacht. Wenn heutzutage der politische Text in Bewegung gerät, aus einigen der Zeilen eine Haltung, gar ein Erröten der Schrift herausragt, wenn das Gesagte von jemandem gesprochen wird, der offenkundig fühlt, dann begegnen wir dem mit Skepsis. Völlig egal, ob es sich um Björn Höcke oder Greta Thunberg handelt. Denn vor allem in den letzten Jahren manifestierte sich der erschreckend weit verbreitete Mythos, die Politik habe zur Ausprägung von Entscheidungsfähigkeit die Aufgabe, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Vor allem Emotionen wie Wut, Verärgerung, Neid und Hass erleben dadurch ihre Delegitimierung und Banalisierung. Das ist geschichtsvergessen.

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Jana Hensel: Mythos Wende 89

Die Wende, oder besser gesagt, die Friedliche Revolution des Jahres 1989, ist für mich kein Mythos, sondern war in meinem bisherigen Leben der wahrscheinlich massivste Einfall von Realität. An nichts erinnere ich mich so genau wie an meine großen, euphorischen Gefühle, während ich im Oktober 1989 als 13-jährige Schülerin gemeinsam mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen bin. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber rede, noch heute treten mir Tränen in die Augen, wenn ich die alten Bilder sehe. Manchmal ist mir das sogar peinlich. Und ich bin erleichtert, wenn ich merke, dass es anderen ähnlich geht.

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Wladimir Kaminer: Berliner Mauer

Über die Berliner Mauer wussten wir nicht viel, nur das, was in unseren Lehrbüchern über die europäische Nachkriegsgeschichte stand. Diese Informationen waren auf das Wesentliche reduziert und beanspruchten nicht einmal zwei Seiten. Die sowjetische Armee hatte es 1944-45 nicht geschafft, ganz Europa zu befreien, weil ein Teil davon bereits von den Amerikanern befreit worden war. Deswegen war Europa in zwei Lager getrennt, die von uns befreiten Völker haben sich dann freiwillig für den Sozialismus entschieden.

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