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Jürgen "chA°s" Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Da wir also nicht in den 1. Mai tanzten, beschlossen wir nun festentschlossen und ausgiebig in den zweiten pogen.

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr klingelte es minutenlang. Ich dachte erst ich hätte mich getäuscht, aber es wollte nicht enden und ich konnte es nicht mehr ignorieren. Ich schleppte mich verschlafen an die Tür.

Es war ein Mittwoch.

Seit einigen Jahren hatte ich wegen einem nicht mehr zu überblickendem Ansturm von Besuchern, Leuten, welche ich nicht kannte, sowohl auch Idioten, die mich beklaut hatten, ein Schild mit Öffnungszeiten an meiner Haustür. Ich hatte keinen Bock, dass meine Wohnung zu einem Wallfahrtsort oder ähnlichen mutierte.

Jürgen „chA°s“ Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Ich stand in Flur und rief laut und deutlich „Heute ist Mittwoch! Erst ab 17h geöffnet, auch an Feiertagen! Könnt ihr nicht lesen?“

Das Klingeln wich nun einem rustikalen Hämmern gegen die Wohnungstür. Jemand vor der Tür brüllte „Aufmachen! Polizei!“ und so öffnete ich die Tür.

Zwei fahle Gestalten in bestialischer Freizeitkleidung. Einer mit Hornbrille, der andere mit Handgelenktasche und Schmidt-Mütze. Alles klar…

Stasi also, wieder mal. „Gutjahr, zieh’n se sich was über!“ sagte einer der beiden. „Warum, denn?“ fragte ich und fügte hinzu: „Heute ist Feiertag, Arbeiterkampftag…sollten sie doch wissen“. „Wer‘n se nicht frech!“ „Aber ich kann nicht, habe nachher einen Termin!“ entgegnete ich. Plötzlich kam einer der beiden Einzeller ungehalten auf mich zu, packte mich am Nachthemd und zerrte mich ins Wohnzimmer. „Los, umziehn! Nochmal sach ich’s nicht…und zwar dalli!“

Vor dem Haus stand ein Lada und am Steuer saß ein weiteres Exemplar Genosse mit ‚nem rustikalen Schnautzer. Ich wurde auf einen der Rücksitze verfrachtet, Handgelenktasche neben mir, die Hornbrille vorn neben Schnautzer.

Nach recht zügiger Fahrt wurde ich in dem Flur platziert, welchen ich schon durch die Vielzahl meiner Vernehmungen und Zuführungen gut kannte. Aus heutiger Sicht hatte ich da schon eine Art „Flatrate“, wenn man so will.

Ich wartete also im ersten Stock, müde ohne Frühstück und entsprechend frustriert. Und da waren sie wieder: diese Gefühle der Einsamkeit, der Ohnmacht, auch der Angst und Hoffnungslosigkeit.

Niemand konnte mir in diesen Situationen helfen und ich wusste nie wie es ausgehen würde, ob die mich wieder entlassen oder nicht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich einer der Türen von den Vernehmer Zimmern. Ein mir bis dahin nicht bekannten Typen rief mich hinein.

„So, Gutjahr, da sind wir ja schon wieder“…

“Setzten se sich auf den Stuhl“. „Wissen sie warum wir sie heute zugeführt haben?“…“haben sie uns was zu erzählen?“

„Äh, nee weiss ich nicht und wie ist eigentlich ihr Name?“

„Das tut hier nichts zu Sache…wir stellen hier die Fragen!“ …“und ich rate ihnen zu kooperieren und uns umfänglich über ihre Pläne alles, ich meine ALLES, zu erzählen!

„Was denn für Pläne?“

„Nun tun sie nicht so überrascht! Wir haben ausreichende Hinweise auf Aktionen, welche sie als Organisator und Leiter entlarven…also spielen sie uns hier nichts vor!“

„Hä, was für Aktionen…? Organisator, Leiter…?“ Was meinen sie damit und was denn für Hinweise, verdammt?“

„Nun wer’n se mal nicht pampisch…wir können auch anders, wie sie wissen…da geht’s gleich ab in die Zelle!..also, raus mit der Sprache“

„Also, ich weiss von keinerlei Aktionen und ich bin schon gar kein Organisator oder Leiter von irgendwas“

„Ich habe nur einen Termin mit einem Freund zum Frühschoppen, so zwischen 10 und 11 nachher…das ist dann aber auch schon alles. Mehr Pläne habe ich heute nicht.“

„Aha, da haben wir aber ganz andere Informationen bekommen. Heute ist ja unser Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus, dass wissen sie schon, oder? Und sie wollen anscheinend an den Demonstrationen, wo jeder pflichtbewusste Bürger teilnimmt, nicht mitlaufen?!“

„Nee, will ich nicht! Iss ja keene Pflicht und ich habe ja schon einen Termin, wie gesagt…aber was hat das alles mit mir zu tun?“ „Das ich beim 1 Mai nicht bei der Demonstration teilnehme, dürfte sie wohl wenig überraschen, oder?!“

„Nun, da haben sie sicher recht. Aber bei etwas anderen schon, nicht wahr?!“

„Hä, was meinen sie damit?“

„Ja, also wir haben über verschiedene- und durchaus zuverlässige Kanäle Informationen bekommen, dass heute eine Gegendemonstration geplant ist. Und sie sind dabei mit genannt worden, was uns, ehrlich gesagt, nicht sehr verwundert. Also, was haben sie uns dazu zu sagen. Umso schneller sie uns in diese Pläne einweihen, umso schneller können sie hier wieder raus.“

„Waaaas? Nee, also…das kann doch nicht ihr Ernst sein…so ein Unsinn! Von wem haben sie denn diese Informationen?............Nein, nein, nein und nochmals NEIN. Meine einzigen Pläne für heute waren, wie schon gesagt, mich mit meinem Kumpel Tümpel zum Frühschoppen in einer Kneipe in der Nähe meiner Wohnung zu treffen und dort auf die hart arbeitende Bevölkerung anzustoßen…so unsere Maifeier.“

„Das glaube ich ihnen nicht. Und was wir wo oder von wem haben hat sie am wenigsten zu interessieren. Also, raus mit der Sprache…!“

„Okay. Wie spät ist es, bitte?“

„Halb elf“

„Ein Vorschlag von mir, da sie mir eh nicht glauben: Fahren sie mich doch persönlich zu meinem Frühschoppen! Dort können sie, von mir aus, die gesamte Zeit meiner geplanten Frühschoppen-Demo sich direkt davon überzeugen, dass ich nichts anderes im Sinn hatte als dieses Treffen.“

Ich grinste und sah dem Vernehmer ins Gesicht. Der glotzte mich mit großen verstörten Augen ebenfalls an und ich sah, wie es in ihm arbeitete.

Dann stand er auf und ging, ohne was zu sagen, schnellen Schrittes aus dem Verhörraum.

Nach einiger Zeit kam er mit einem anderen Genossen zurück und machte sich noch handschriftliche Notizen in das Vernehmer Protokoll.

„Gutjahr! Aufstehen, anziehen!...mitkommen“

Tja, was soll ich sagen. Es war einfach unglaublich. Die beiden verfrachteten mich in ein Auto und fuhren mich zu meiner Kneipe, wo Tümpel schon seit einiger Zeit auf die Arbeiter- und Bauernmacht anstieß.

Die waren auf meinen Vorschlag eingegangen. Es war so surreal und ich konnte es kaum glauben. Nach einer Weile hatten wir in der Kaschemme einen Fensterplatz ergattert und wir konnten von dort aus die beiden beobachten. Das war dann schon wieder wie Überwachung über Kreuz, oder so…

Irgendwann am Nachmittag kamen wir volltrunken aus der Kneipe. Tümpel kotzte, wollte sich an der Hauswand abstützen, wobei das Abwasserrohr wegbrach, er dann wegrutschte und mit seiner 1. Mai-Hose in seiner eigenen Kotze landete.

Ich lehnte an einer Hauswand und versuchte mich auf den Beinen zu halten. Aus dem Auto stieg einer von den beiden Stasi Typen aus und kam auf mich zu.

„Gutjahr! Einsteigen!“

Ich wankte zu dem Wagen und ließ mich hineinfallen. Man hat mich dann noch zu meiner Wohnung gebracht, dort reingesteckt. Laut Infos von Freunden stand wohl bis etwa Mitternacht der Lada vor dem Haus.

Tümpel schenkte man übrigens keinerlei Aufmerksamkeit und ließ ihn vor der Kneipe in seiner Kotze liegen.

Handgelenktasche, Hornbrille und Schnautzer habe ich nie wiedergesehen.

chA°s [2k20]

1) Rolf war meine weiße Ratte. R.I.P.
2) Gangs from LA (https://de.wikipedia.org/wiki/Bloods_und_Crips)

Jürgen Gutjahr aka „chA°s“, geb. 1964 in Leipzig, gründete im Sommer 1981 die Punkband WUTANFALL in Leipzig. Nach dem Ausstieg Ende 1983 bei WUTANFALL konstruierte chA°s das Industrial-Noise-Projekt PFFFT…!, welches bis heute existiert. Seit Dezember 1981 war chA°s im Fokus der staatlichen Organe und bis zu seiner Ausreise im Mai 1989 nach West-Berlin physischen und psychischen Misshandlungen der Staatsicherheit ausgesetzt. chA°s ist seit der Ausreise in zahlreichen Artikel in Büchern sowie Dokumentarfilmen über Jugendbewegung präsent sowie als Zeitzeuge in der politischen Arbeit tätig.

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